Musikweise

Nicht nur der Text ist wichtig für die Einheit eines Zykluses, auch die Musik. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die 6 Lieder ausbalanciert sind. Die ersten zwei und letzten zwei Taktarten sind zusammengesetzte ungerade Taktarten. Das heißt, das Metrum hat ein Triolegefühl. Die zwei Taktarten im Zentrum haben gerade Takte. Das heißt, sie haben vier Schläge pro Takt. Da die Taktarten ausbalanciert sind, zeigt die Liedersammlung Spuren eines wahren Zykluses.

Auch wichtig ist die Beziehung zwischen den Tonarten. Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Tonarten keine Beziehung mit einander haben. Grund wechselte die Tonarten ständig. Das erste und das letzte Stücke hatte verschiedene Tonarten. Die einzigen Stücke, die die gleichen Vorzeichen haben, sind das 4. und des 6. Stück, aber das ist kein Hinweis auf einen Zyklus, besonders weil nur die Vorzeichen und nicht die Tonarten gleich sind.

Es wird interessanter, wenn man an Schubart denkt. Christian Schubart war ein Dichter, der in dem 19. Jahrhundert lebte. Er schrieb einen Text, der die Eigenschaften der Tonarten beschreibt. Nach Schubart hat jede Tonart ein bestimmtes Gefühl. Ob das wahr oder nicht ist, ist schwer zu sagen, aber der Einfluss dieses Textes kann man in der musikalischen Welt nicht übersehen.

Das erste Stück ist in Es Dur. Laut Schubart ist Es Dur die Tonart der Zuneigung und der Liebe. Das passt gut mit dem Text, der über Liebe und en Himmel spricht. Der zweite Text ist in b Moll. Schubart sagt, b Moll sei die Tonart der Unterwerfung. Mit dem Text passt diese Idee auch. Das Gedicht ist kaum aktiv. Giebel schrieb „es schleicht ein zehrend Feuer“, „sie kommen und fliehen“, und viele andere Sätzen, wo das Lyrische Ich passiv beobachtet, was geschehen ist.

Diese ersten zwei Verbindungen mit Schubarts Vortrag passen perfekt, aber man könnte sagen, dass sie weit hergeholt sind. Aber ich glaube, dass die Verbindung mit dem dritten Gedicht gut passt. Die Tonart des dritten Liedes „auf den Tod eines Freundes“ ist f Moll. Laut Schubart erinnert f Moll „an tiefe Schwermuth, Leichenklage, Jammergeächz, und grabverlangende Sehnsucht“. 1 Dieses Stück deutet auch auf die Durparallele – Ais Dur. Ais ist „der Gräberton. Tod, Grab, Verwesung, Gericht“ nach Schubart. Hier ist die Verbindung unwiderruflich, und man kann klar sehen, dass Friedrich Wilhelm Grund die Geschichte mit der Musik verbinden wollte. Da ich schon zeigte, dass die Geschichte zyklisch ist, beweist diese Verbindung, dass Grund beabsichtigte, diese Liedersammlung als Zyklus zu veröffentlichen.

Grunds Werke kann man so fast wagnerianisch betrachten. Natürlich war Grund nicht so extrem wie Wagner, weil Wagner alles veränderte, was um Musikstruktur ging, aber der dramatische Ausdruck ist wichtiger für Grund als die musikalische Einheit, der viele Komponisten derzeit folgten. Wagner endete seine Opern nie in der gleichen Tonart, in der sie begann – außer „die Meistersinger“ – weil das Libretto, das er vertonte, verschiedene Tonarten benötigte. So komponierte auch Grund. Die Tonarten wurden so ausgewählt, um eine dramatische Absicht darzustellen. Er fing den Zyklus in Es Dur an und endete ihn in G Dur, denn G Dur zeigt die Friedlichkeit, in der der Zyklus endete, und das Ende.