Analyse der Interviews

Um ihre Meinung zu unterstützen, verwenden die Befürworter und die Gegner der Frauenquote ihre persönliche politische Ideologie, die oft mit der politischen Parteizugehörigkeit verbunden ist. Die persönliche politische Ideologie eines Menschen beeinflusst, wie man die Rolle der Frauen in der Politik sieht. Man versteht auch die Gründe für diese Rolle anders wegen der politischen Ideologie.

Aus den Interviews entstehen drei politische Ideologien. Die zwei größten Ideologien, zu denen je drei der Befragten gehören, sind feministisch und liberal. Die dritte ist eine “no-gender” Ideologie. Diese drei politischen Ideologien beeinflussen wie man zur Hamburger Frauenquote steht.

Feministische Ideologie

Zwei von den Befragten, die eine feministische Ideologie haben, gehören zu den Grünen und die dritte gehört zu keiner politischen Partei. Die drei Personen haben eine feministische politische Ideologie, die Gleichheit und Förderung der Frauen betont. Wegen dieser politischen Ideologie glauben sie, dass Frauen unterrepräsentiert sind in der Politik. Die Befragten mit der feministischen Ideologie denken, dass die Unterrepräsentierung der Frauen aus strukturellen und soziale Gründen stammen, wie Sozialisation, Männerbünde, Diskriminierung, und Strukturen, die Frauen nicht kontrollieren können. Deswegen unterstützen sie die Frauenquote, weil sie eine Lösung suchen, die die Strukturen verändern kann und somit die Frauen fördern kann.

Graffiti an der Universität Hamburg

Graffiti an der Universität Hamburg

In den Interviews ist es klar, dass diese drei Befragten ihre politische Ideologie als feministisch bezeichnen. Manchmal verbinden sie ihre persönliche politische Ideologie mit ihrer politischen Partei. Als ein Befragter über seine politische Einstellung gefragt wurde, sagte er: “ich gehöre zu den Grün-Links-Liberal…Die Grünen stehen für die Gleichheit aller Menschen.” Mit dieser Aussage verband er seine Partei und die Gleichberechtigung. Die anderen zwei Befragten definierten ihre explizite feministische Ideologie ohne  politische Parteien zu erwähnen. Die Befragte, der keiner Partei angehört, sagte, dass sie “auf jeden falls links” sei, und sie erklärte links mit den Worten: “Die Ablehnung von Rassismus, Sexismus, Homophobie, Anti-Semitismus.” Der dritte Befragte sagte auch, dass er links sei und er erklärte: “mit Links meine ich so…die Umwelt mitdenken, und immer emanzipatorisch und feministisch, auch Kapitalismus kritisch.” Alle drei begründen ihre politische Ideologie, die manchmal von der Partei beeinflusst wird, als explizit feministisch, was ihre Stellung zu Frauen und zu der Frauenquote betrifft.

Wegen dieser feministischen Politik betonen diese Befragten die Unterrepräsentierung der Frauen in Politik und die gleichzeitige Domination der Männer. Die Unterrepräsentierung wird benutzt, um die Frauenquote zu unterstützen. Ein Befragter sagte: “Ich glaub einfach, dass wir in  der Zukunft uns nicht leisten können, dass Männer alle Posten einnehmen können. Und ich glaub daran, oder ich will, eine Gleichberechtigung haben. So lange sie nicht gegeben ist, brauchen wir eine Frauenquote, um es umzusetzen.” Hier sagte der Befragte deutlich, dass er die Frauenquote unterstützt, weil Frauen unterrepräsentiert sind, und er will Gleichberechtigung, etwas was auch in seiner politischen Ideologie klar ist. Ein anderer Befragter wiederholte dieses Argument: “Also ich persönlich finde sie [die Frauenquote] sehr wichtig, einfach aus dem Grund…dass Frauen in bestimmten Bereichen in der Gesellschaft unterrepräsentiert sind und benachteiligt sind.” Hier sagte ein Befragter, dass er die Frauenquote unterstützt, einfach weil Frauen unterrepräsentiert sind. Er unterstrich die Wichtigkeit der paritätischen Mitbestimmung der Frauen in seiner Unterstützung der Frauenquote, als er sagte: “Und dann [finde] ich grundsätzlich gut, wenn [die Frauenquote] von 50% statt 40% geht, weil es gibt 50% Frauen, nicht 40% Frauen.” Wegen seiner Politik, die für die Gleichberechtigung ist, ist Unterrepräsentierung ein wichtiger Grund, die Frauenquote zu unterstützen

Aufkleber auf einem Fenster an der Uni Hamburg

Aufkleber auf einem Fenster an der Uni Hamburg

Die drei Befragten legen das Unterrepräsentierungs-Argument für die Frauenquote dar, wenn sie die Gründe für die Unterrepräsentierung erklären. Alle drei deuten auf strukturelle und soziale Gründe hin, die die Frauen nicht kontrollieren können und die schwer zu bewältigen sind, als Ursachen für den Mangel an Frauen in Politik. Eine Befragte zeigte auf die Sozialisation der Frauen, als sie sagte, dass Politik oft von weißen, hetero Männer bestimmt werde. Sie sagte darüber: “Und ich glaube das hat auch damit zu tun, wie man so als Frau sozialisiert wird. Man hat gesagt: ‘Ja, Frauen sind nett und lieb und nicht so aufbrausend und wir stecken zurück.’ Könnte mir vorstellen, dass es schwierig ist, sich so gerade in offiziellen politischen Gremien durchzusetzen.” Ein anderer Befragter sagte: “Diese Männerbünden müssen gebrochen werden. Dann ist es auch klar, dass in unserer Gesellschaft der Fall ist, dass die Frau historisch…mit Kinderkriegen in Verbindung gebracht wird und das ist dann natürlich immer schwierig, das auszubrechen.” Beide betonen, dass die Gründe für die Unterrepräsentierung der Frauen es schwierig machen, dass Frauen in Politik ankommen, und deswegen ist die Frauenquote wichtig. Als ein Befrager sagte: “[Das System] ermöglicht oder erleichtert es den Männern in diesen Strukturen aufzusteigen. Und so lange wir diese Strukturen haben, brauchen wir einen Anreiz dafür, dass Menschen, die diese Strukturen nicht mögen, die müssen ein Stückchen aufsteigen können.” Weil die Gründe für den Mangel an Frauen nicht die Schuld der Frauen sind und weil sie so schwer zu bewältigen sind, unterstützen diese Befragten die Frauenquote.

Liberale Ideologie

Die liberale Ideologie zur Frauenquote folgt dem gleichen Muster wie die feministische. Die liberale politische Ideologie beeinflusst, wie man die Positionen der Frauen in der Politik sieht und auch die Gründe für diese Position. Für die liberale Ideologie erkennen die Menschen an, dass Frauen unterrepräsentiert sind, aber sie denken, dass es nicht ein Problem der freien Marktwirtschaft und der “Leistungsgesellschaft” ist, Merkmale dieser Politik, die immer Qualifikation belohnt. Dieser Logik zufolge gibt es weniger Frauen in Politik, weil weniger qualifizierte Frauen existieren.  Deswegen wird keine Frauenquote gebraucht.

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FDP Poster in der Innenstadt Hamburg

Von den vier Menschen, die die Hamburger Frauenquote ablehnen, haben drei eine liberale Ideologie. Der Befragte, der zu der FDP gehört, war sehr überzeugend. Er beschrieb sich selbst: “Liberal…in dem Sinne, dass der Staat wenig tun sollte und die Meinung… die Bürger wissen, was sie am besten tun sollen.” Eine Befragte, die zu der CDU gehört, sagte, dass ihre Einstellung liberaler als die der CDU sei und dass “man…Dinge frei gestaltet und…die Bürger … ihre Freiheit haben sollen.” Diese liberale politische Ideologie, die die Befragten deutlich aussprechen, stehen für den freien Markt und für das Recht der Bürger ohne staatliche Eingriffe zu leben. Eine andere Befragte, die auch zu der CDU gehört, sagte nie explizit, dass sie liberal sei, aber sie hat ähnliche Ideen über die limitierte Rolle des Staates. Sie entschied sich, zu der CDU zu gehören, weil sie “nicht so sozial, ganz so sozial ausgerichtet [ist], weil das einfach nicht umsetzbar ist.” Sie betonte auch die marktliberalen Ideen der Belohnung der Qualität: “nicht alle Männer können das gleiche verdienen.” Diese liberalen Ideen beeinflussen, wie diese Befragten die Position der Frauen in der Politik sehen.

Obwohl die liberalen Befragten nicht denken, dass der Frauenanteil in der Politik dem der Männer entspricht, heben sie diese Idee nicht hervor, weil Gleichberechtigung nicht ein Teil ihrer politischen Ideologie ist. Wenn ein FDP-Mitglied über die Rolle der Frauen in der FDP ausgefragt wurde, sagte der: “Im Hamburger Vorstand der Jungen Liberalen sind drei von acht Mitgliedern weiblich. Das ist schon in Ordnung, aber wir versuchen mehr Mitglieder zu motivieren, aber es funktioniert irgendwie nicht. Ich sagte nicht warum.” Hier erkannte er an, dass es weniger Frauen gibt, aber er hatte keine Gründe dafür, weil das nicht ein Teil seiner Politik ist. Wenn ein liberaler Befragter einen Grund dafür hat, ist er etwas, den Frauen kontrollieren können und der nicht diskriminierend ist, wie Interesse. Einer der CDU-Mitglieder sagte: “Oft ist es ja teilweise so, dass in den Bereichen, wo die Männer so dominieren, oft sind es die Bereiche, die Frauen dann nicht so interessieren. Und da ist es dann irgendwie auch ein bisschen schwierig [die Frauenquote einzuführen].” Weil die Gründe für die Unterrepräsentierung der Frauen von den Frauen selbst stammen, ist eine Quote nicht sinnvoll.

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Graffiti an der Universität Hamburg

Ein großer Teil dieser liberalen Ideologie ist die freie Marktwirtschaft. Alle Befragten sprachen über die Wichtigkeit des freien Marktes, besonders als sie über die Frauenquote in der Privatwirtschaft sprachen. Ein FDP-Mitglied beschrieb seine Ablehnung der Frauenquote für Unternehmen: “[ich lehne sie ab,] weil die Privatwirtschaft am besten wissen sollte, was für sie richtig ist.” Das CDU-Mitglied betonte auch die freie Marktwirtschaft: “Und für mich ist einfach die Wirtschaft sag ich mal auch eine freie. Also ich verstehe sie eben so.” Diese Idee ist auch wichtig für Politik, weil die Befragten die Idee benutzen, dass politische Einrichtungen wissen, was sie tun sollen und welche Menschen am besten für den Job sind. Deswegen ist Qualifikation wichtig, weil die Politik Menschen belohnt, die am besten qualifiziert sind. Ein anderer Befragter sagte:

Also zum einen finde ich, sind wir immer mehr in einer Leistungsgesellschaft und da steht eben die Qualität sag ich mal im Vordergrund…ich hatte einfach die Befürchtung, dass wenn es so eine feste Quote gibt…müssen unbedingt Frauen rein, dass sie vielleicht weniger qualifiziert sind

 Ein anderes CDU-Mitglied sagte es so:  “Qualifizierung ist glaub ich sehr wichtig. Das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen, dass wenn die Quote bei 40% liegt, dass da überall Qualifizierung [verringern würde.]” Die Idee, dass nicht genug qualifizierte Frauen existieren, wurde von dem FDP-Mitglied artikulierte: “Unternehmen meine ich dann, wenn sie dann keine Frauen finden, die da passen, dann sollten sie nicht gezwungen werden, Frauen einzustellen, obwohl sie…bessere Männer finden würden.” Obwohl er über die wirtschaftliche Quote sprach, ist die Idee die gleiche. Die Liberalen lehnen die Frauenquote ab, weil die Leistungsgesellschaft, wie die freie Privatwirtschaft, weiss, wer am besten qualifiziert ist und diese Menschen belohnt. Weil es jetzt weniger Frauen in der Politik gibt, bedeutet das, dass es nicht genug Frauen gibt, um eine Quote auszufüllen, und daher soll es keine Frauenquote geben.

 No-Gender Ideologie

Nur ein Befragter, der die Hamburger Frauenquote ablehnt, hatte keine liberale Ideologie. Stattdessen hatte er eine “no-gender” Ideologie. Für ihn ist die Frage nach dem Geschlecht nicht wichtig. Er glaubt nicht, dass man Identitätsmerkmale in Verordnungen oder Regelungen benutzen soll, um Entscheidungen zu treffen. Er denkt, dass Frauen und Männer gleich sind, und dass es keine Unterrepräsentierung der Frauen in der Politik gibt. Aus diesen Gründen braucht man keine Frauenquote und es soll keine Frauenquote existieren.

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Ein Badezimmer an der Universität Hamburg

Als ich diesen Befragten bat, seine politische Einstellung zu beschreiben, sagte der: “ich unterstütze die Partei die Linke und, uh, bin für einen funktionierenden Sozialstaat, gleiche Rechte für alle.” Jedoch anders als die Menschen mit einer feministischen Ideologie, die auch für gleiche Rechte stehen aber die vor allem die Förderung der Frauen möchten, glaubt dasLinke-Mitglied, dass Gleichberechtigung bedeutet, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden sollen. Um seine Ablehnung der Frauenquote zu unterstützen, sagte er: “ich finde…nicht gut, Menschen einfach in Kategorien einzuteilen und dann eben möglicherweise Leute nur auf Grund eines Identitätsmerksmals, also in dem Fall das Geschlecht, dann eben zu bevorzugen oder benachteiligen.” Hier ist es klar, dass wegen seiner politischen Ideologie von Gleichberechtigung eine Frauenquote, die einen scharfen Unterschied zwischen Männern und Frauen macht, unrecht ist.

Weil es in seiner politischen Ideologie keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, glaubt er auch, dass es keine Gender-Diskriminierung in Politik geben sollte. Er sagte:

Wenn es jetzt wirklich so sein sollte, dass es so eine Art Männerbünde gibt, die gezielt Frauen ausgrenzen, ganz gezielt Frauen, deswegen weil sie die Frauen verhindern wollen, dann wäre vielleicht eine Quote eine Möglichkeit dagegen vorzugehen. Ich weiß aber nicht, ob das so ist. In der Politik habe ich das jedenfalls nie festgestellt. Ich als Mann würde bestimmt nicht, irgendwie eine Frau, die ich für qualifiziert halte, deswegen ausgrenzen, weil sie eine Frau ist. Und ich kenne ehrlich gesagt, auch kein Mann, der so vorgeht.

Hier ist es klar, dass er glaubt, dass keine Diskriminierung oder strukturellen Gründe existiert und  deshalb brauchen Frauen keine Quote. Er betonte diese Idee in dem Interview: “Ich glaube da gibts mittlerweile keine wirklichen Beschränkungen mehr… da die letzte Männerdomäne in der Politik… gefallen ist.” Seine politische Ideologie glaubt an keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen  und deswegen kann keine Diskriminierung anhand Geschlecht existieren. Dieser Logik zufolge wird keine Frauenquote gebraucht. Zusätzlich glaubt er, dass eine Frauenquote unrecht ist, weil sie einen Unterschied zwischen Männern und Frauen macht.